Ein Projekt von Peter Brandlmayr, Katharina Klement und Mersolis Schöne
1. Akt (Konzept)
Das Konzert beginnt, wie man es gewohnt ist. Es sitzt eine Person am Klavier, die Tasten nach den Noten drückend. Nach einer Zeit taucht eine zweite Person auf. Diese schafft Gegenstände auf die Bühne und zwar: alles was man braucht, um sich und andere vor Hitze zu schützen. Vorrichtungen werden um das Klavier und um die darauf spielende Person angebracht. Die herbeischaffende Person schlüpft in einen hitzebeständigen Anzug. Schließlich wird aus einer Kiste klein und handlich ein Bunsenbrenner hervorgeholt. Dieser wird gezündet. Dann wird damit dosiert Wärme in den Rahmen des Klaviers eingebracht. Das Klavier zeigt sich klassisch gesehen sogleich etwas verstimmt – beleidigt. Klassisch wohltemperiert gestimmte Zuhörende sehen es im Laufe des Konzerts zusehends aus den Fugen geraten, stimmungsmäßig aus dem Leim gehen. Hantologisch gestimmte Menschen gehen hingegen vom Gegenteil aus, sie sagen: es gerät zusehends in Stimmung. Das stocksteif normierte Objekt beginnt endlich lebendig zu werden, ein eigenwilliges Leben zu entfalten. Dies sieht der Klassiker nicht allzu gerne, denn er ist erpicht darauf, alles unter Kontrolle zu haben. Er ist erpicht darauf, dass das, was er als Objekt begreift, ihm gehört, ihm hörig, zu folgen hat, und also darauf hören muss, was man verlangt. Obwohl also weiterhin im Konzert richtig gut am Klavier gespielt wird, ist die Sache für den Klassiker viel zu hitzig, klingt falsch und ist falsch – ja und obwohl er es hört, scheint es ihm richtig gehend unerhört! Das will heißen: er mag es nicht hören, weil es Falsches schlicht und einfach nicht geben darf! Es erscheint ihm als eine Unerhörtheit, dass Bachs wohltemperiertes Klavier zunehmend im Meer all der RELATIV wohltemperierten Klavierinterpretationen versinkt, die abseits des schmalen normierten klassisch wohltemperierten Pfades liegen.
Eine ergänzende Notiz kurz vor der Abreise nach Schrattenberg, wo Akt 1 durchgeführt werden soll: Ich habe in den letzten Tagen bemerkt, dass ich vermutlich (wieder einmal) naiv die Striktheit klassisch aufgeklärter Prägung unterschätzt habe. War ich bei den ersten Gedanken in Bezug auf das Projekt noch davon ausgegangen, dass wir ein plastisch modellierbares Meer relativ temperierter Stimmungen bereisen können, haben die Besuche im Klavierhaus sowie meine Recherchen in den letzten Tagen die Ahnung zutage gefördert, dass ein wohltemperiert gestimmtes Klavier, daraufhin konstituiert ist, die Stimmung ziemlich unbedingt zu halten. Wir werden sehen, was passiert, aber ich vermute, es wird bloß zu mikroskopischen Unschärfen durch meine thermischen Eingriffe kommen. Das Klavier ist spröde gebaut (dem klassisch Ontologischen entsprechend) und nicht plastisch (dem Hantologischen entsprechend). Das heißt: ein Klavier lässt kaum eine Abweichung zu, auch bei relativ massiven Eingriffen, und reagiert dann bei wilden punktuellen Eingriffen spontan mit Seitenbruch oder bei wüstem Vorgehen mit Rahmenbruch. Dem Geist der Aufklärung entsprungen, lässt es kein umfangreiches, plastisches Morphen durch thermisches Eingreifen zu, so jedenfalls meine momentane Einschätzung. Nichts desto trotz finde ich die Reise sehr interessant, denn zum einen wissen wir ja noch nicht, was wir mit dem Klavier gemeinsam erleben und erfahren werden, d.h. wie wir und es aufeinander zugehen werden, reagieren und agieren. Auch was uns all die Erfahrungen dann zu denken geben werden, finde ich spannend, bin schon neugierig. Gleich ob wir mikroskopische oder makroskopische Tonverschiebungen wahrnehmen werden, es wird, wie bei einem Experiment üblich, dabei etwas zu erfahren sein, etwas gezeigt werden. Selbst wenn die gesetzten thermischen Eingriffe gar keinen Einfluss zeigen sollten, zeigt sich etwas in diesem 1. Akt, unter anderem der klassisch ontologische Widerstand gegen das relative, hantologische Temperiert-Sein.
Schon die letzten Tage waren für mich sehr aufschlussreich. Mit dem Näherkommen der Abfahrt machten sich bei mir zunehmend die realen möglichen Gefahren bemerkbar. Es ist eben ein Unterschied, ob man in der Vorstellung mit einem Instrument der Normiertheit und Normierung spielt oder aber praktisch physisch. Ich hatte einerseits ein ziemlich mulmiges Gefühl, in Bezug auf die großen Spannungen, unter denen ein Klavier steht. Auch das Moment des Feuers machte mich unruhig: zweimal stand ich bereits im Baumarkt vor den Bunsenbrennern, legte sie jedes Mal wieder zurück ins Regal. Immer wieder dachte ich, dass es im Grunde Wahnsinn ist, sich in einem trockenen Dachboden mit einem Bunsenbrenner an ein Klavier heranzubegeben. Der Feuerlöscher, den ich vor einer Woche im Auto geparkt hatte, war diesbezüglich nur eine schwache Beruhigung. Das Szenario „alles brennt ab“, führte vorerst dazu, dass ich über „weichere“, alternative Wärmequellen nachzudenken begann. Es soll ja nicht darum gehen, ein Exempel der Plastizität mit Biegen und Brechen durchzusetzen, und also ähnlich strikt normiert zu agieren, wie klassisch. So begann ich zwei Kisten mit einem Arsenal an Wärmequellen zu füllen. Dies beruhigte mich aber nur zum Teil, denn noch war ich nicht soweit, zu erkennen, dass es um eine moderate, eine relative, lustbetonte Erkundung geht, und nicht um eine lastbetonte. Es geht eben auch darum, das Klavier als ein relativ zu respektierendes Gegenüber ins Blickfeld zu holen, als ein Mitmusizierendes und Mitexperimentierendes.
Es geht in diesem 1. Akt nicht um die Plastizität an sich, sondern darum, gemeinsam in einem Ensemble umzugehen, miteinander zu spielen. In ebendiesem Spiel wird sich zeigen, was sich zeigt und zeigen lässt. Wie gesagt: es zeigt sich immer etwas. Die Performativität, die in uns allen steckt, und der mehr oder weniger große Widerstand gegen diese Veränderlichkeit, prägen uns ja alle, und dies gleich ob wir ein Mensch sind, ein Klavier, eine Taste oder Saite, ein Eiswürfel oder ein Feuerzeug.
Nach dem 1. Akt (Konzept)
Nun, auch wenn die beiden Personen auf der Bühne nach dem Konzert abgehen, ist die Sache nur scheinbar ausgestanden und dies nicht nur deshalb, weil das Konzert aufgezeichnet wurde. Das Wesentliche geht eben nicht restlos mit dem Menschen von der Bühne. Das relativ frech gestimmte eigenwillige Klavier ist ja immer noch da. „Nun gut“, sagt der klassisch wohltemperierte Extremist und Klavierbesitzer, auf einen solchen Einwand nach dem ersten Akt, „aber dieses Ding da auf der Bühne ist nicht wirklich ein Klavier.“ Und er beharrt darauf, dass es nur mehr dem äußeren Anschein nach ein solches sei. Es erfülle doch nicht mehr seine Funktion als solches. Es sei nicht mehr wirklich bespielbar. Der klassische Besitzer hat es also von der Liste möglicher Besitztümer gestrichen. Er geht davon aus, dass dieses „Klavier“ nie mehr in die gehörige Stimmung zu bringen sei, in eine Stimmung der Gefügigkeit. So meint er das Klavier also von uns gegangen, verschieden, vernichtet. Dabei übersieht der gute Mensch jedoch, dass etwas Verschiedenes nicht einfach spurlos verschwindet. Ein Verschiedenes zeigt sich eben nicht als das gänzlich Verschiedene, sondern bloß als ein relativ Verschiedenes, als ein relativ Anderes. Auch das solcherart vom Klassiker als kaputt bezeichnete, nicht mehr in neutrale Stimmung zu bringende Klavier ist immer noch ein Klavier in einer bestimmten Stimmungslage. Um dies zu belegen folgt also:
Akt 2 (Konzept)
In diesem Akt soll ein grundsätzliches Exempel statuiert werden, nämlich, dass nichts komplett aus der Stimmung zu bringen ist, dass nichts gänzlich von uns gehen, ganz verschieden sein kann. Nichts vermag dazu gebracht werden, nicht mehr zu resonieren. Um dies zu belegen, wird Person 1 wieder ansetzen, Bachs Noten zu interpretieren, während Person 2 versucht, das Klavier vollkommen zu dekonstruieren, zu zerlegen, möglichst in alle Einzelteile. Dass man bei letzterem scheitern wird, ist Teil des Programms von Akt zwei. Man denke, selbst Elementarteilchen und Moleküle sind nur relative Einzelteile. Akt 2 soll aber nicht nur zeigen, dass die klassische Vorstellung von einer Vernichtung ein Phantasma abseits der, von Umverteilung geprägten, realen Verhältnisse darstellt. Akt zwei soll auch zeigen, dass Bachs Noten ihre Relevanz nicht verlieren, wenn man den Grat der Wohltemperiertheit verlässt. Selbst für die Einzelteile des Klaviers mag eine transponierte Interpretation gefunden werden. Wir leben eben in einem Kosmos der relativen Kombinationen und der relativen Kombinierbarkeit. Zur Dokumentation des Exempels, dass ein relativ wohlgestimmtes Klavier und seine Teile niemals wirklich verstummen können gleichwie dass die musikalische Notenschrift offen übersetzbar und interpretierbar ist, wird dieser zweite Akt, so wie der erste, aufgezeichnet.










