Der Blöde Dritte Mittwoch #143 @Theater-am-Werk, 2024
Ein Abend mit Martin Brandlmayr, Peter Brandlmayr, Gerald Freimuth, Raphael Hanny, Martina Moro, Maurizio Nardo, Ekehardt Rainalter
Hören wir den Begriff Liturgie, so meinen wir damit sogleich mit der religiösen, kirchlichen Sphäre konfrontiert zu sein. Das Wort Gottesdienst taucht auf, samt einer vagen Vorstellung, dass der Begriff Liturgie die Form und Ordnung gottesdienstlicher Handlungen bezeichnet.
Nun kann man aber im etymologischen Wörterbuch erfahren, dass der Begriff Leiturgia, eine viel allgemeinere Bedeutung hat. Das Wort benennt im Altgriechischen nämlich einen „geleisteten Dienst an einer Gemeinschaft“, ohne näher aufzuschlüsseln, in welcher Sphäre dieser stattfindet, in einer religiösen oder einer weltlichen. Im christlichen Abendland, in dem der zentrale Fixstern in gesellschaftlichen Belangen über Jahrhunderte hinweg die Instanz Gottes war, verengte sich die Bedeutung des Begriffs. Ein Dienst an Gott und einer an der Gemeinschaft waren hier tendenziell gleichbedeutend. Jeder wahre Dienst an der Gemeinschaft steht in einer christlichen Gesellschaft im Zusammenhang mit Gott und jeder Dienst an Gott ist im Sinne der Gemeinschaft.
Mit der Entzauberung der Welt in Folge der Aufklärung meinte man den Begriff „Liturgie“ mit der religiösen Sphäre, wie einen Mantel, abstreifen und fallen lassen zu können. Im Grunde kam es der Aufklärung dabei entgegen, dass der Begriff traditionell so stark mit dem Religiösen verbunden wird, denn so konnte man, Begriffe dieser Art negierend, sich selbst jenseits des magisch mythischen Bannkreises in Szene setzen. So blieb das Liturgische in unserer Gesellschaft bis heute auf den christlichen Kontext begrenzt, und dies obgleich es eine ganze Menge an Bezügen und Beziehungen gibt, die nahelegen, dass jenes Prinzip, dem wir heute zutrauen, die Geschicke der Welt zu leiten, das vernünftig strukturierte Naturgesetz, einer göttlichen Instanz sehr nahekommt, samt verkündend-vermittelnder Vertretung auf Erden.
Wie auch immer, in all diesen Gemeinschaften ist man mit einer absoluten, obersten Instanz konfrontiert, wenn man so will, mit einem absoluten Gesetz. All diese Gemeinschaften bauen auf einer klassisch ontologischen Logik, auf einer zweiwertig ausschließenden Logik, samt entsprechendem Wesensbegriff. In solchen Gemeinschaften ist jeder Dienst an der obersten Instanz ein Dienst an der Allgemeinheit und umgekehrt.
Nun aber was ist, wenn die Welt keine solcherart klar gestellte Sache ist, wenn die Welt und wir mit ihr, samt all den obersten Instanzen, die der Mensch im Verlauf seiner Geschichte bereits auszumachen gemeint hat, nicht so klar ersichtlich und fassbar sind?
Was ist, wenn wir selbst relative Wesen sind, Wesen mit beschränkter Auffassungsgabe, wenn es keine Letztbegründbarkeit gibt, keine letzte Antwort auf die großen Fragen, sondern nur unterschiedliche kontextabhängige Erzählungen, Erzählungen, an deren Grund immer ein Moment des Annehmens und Glaubens steht?
Was ist, wenn es nicht die Gescheiten und die Dummen gibt, die einen die die Welt erkennen und die anderen, die die Welt verkennen?
Was ist, wenn ein Dienst an einer Gemeinschaft nicht darin besteht, einem unbedingten Gesetz Folge zu leisten und das unbedingt, sondern wenn es darum geht, die eigene relative Bedingtheit anzuerkennen?
Dies ist die Welt, in der das Pegasus Institut für Pataphysik umgeht. Wir setzen uns mit dem Relativen, mit den Relationen auseinander, damit, wie eines zum anderen kommt. Wir setzen uns mit dem Dazwischen auseinander, mit all dem, das zwischen den Kategorien liegt, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Sein und Nicht-Sein, zwischen Form und Inhalt, Absolutem und Relativem, Performativem und Monumentalem. Das PIP lebt im Niemandsland, das es klassisch nicht geben darf, obgleich es uns allgegenwärtig erscheint. Wir als Pegasus Institut für Pataphysik feiern die bunt schillernde, relativ widersprüchliche und begrenzte Natur all dessen, was ist, da es uns nur dadurch gegeben ist, mit uns selbst, mit anderen und mit anderem zusammenzukommen.
Wir leben eine integrative, relativ widersprüchliche Vorstellung von Gemeinschaft, die weit über uns selbst hinausreicht.
In diesem Sinne kann man den heutigen Abend durchaus auch mit dem Begriff „Litourgia“ in Zusammenhang bringen, mit einem öffentlichen Dienst an einer hantologischen Gemeinschaft und Haltung.
Programm:
By the Dirac Sea(audio: Maurizio Nardo; visual: Martina Moro)
maybe if i would fall apart (Film, Objekt: Gerald Freimuth)
Des Kaisers (neue) Kleider: 2. Akt; Erstes Hauptstück; Eine Kollage von Amt und Würden (Performance, Konzept und Text: Peter Brandlmayr, Musik: Martin Brandlmayr, Stimme: Johann Nikolussi)
Phantasie in Schwarz (Ekehardt Rainalter und Raphael Hanny, Blackmetal-Film-Performance)










